Samstag, 16. Juni 2007

Alles neu und alles anders

Wo soll ich anfangen, wo hör ich auf und was erzähle ich mittendrin?

Zu Anfang am besten dieses: Ich werde wohl nie wieder unschuldig eine Zeitung lesen können. Denn an der Journalistenschule werde ich getrimmt. Konkret sein! Klischees vermeiden! Bilder benutzen! Bloß nicht zu viele Nebensätze! Und vor allem: Verständlichkeit, Verständlichkeit, Verständlichkeit!

Aber ich bin schon beim Mittendrin.

Fangen wir beim Anfang an: Angekommen in Hamburg musste ich vor allem erst einmal lernen, wie man die Maurerkelle schwingt. Die feinfühligen geistigen Aufgaben sollten erst eine Woche später beginnen - jetzt hieß es erst einmal: Füllstoff an Wände klatschen, gehärteten Füllstoff abschleifen (Tennisarm-Alarm!), mit dem Pinsel in entlegene Ecken vordringen. Denn die Wände sahen, mit Verlaub, saumäßig aus. Alles war voller Löcher und bröselte uns entgegen. Ich bin deshalb jetzt Spezialistin für das Verputzen von Räumen und für kleine, fiese Gipskügelchen, die einmal Füllstoff waren und in ihrem zweiten Leben als harte Substanz überall in der Wohnung herum kullern. Was nicht schlimm wäre, wenn sie nicht gemeine, weiße Flecken auf dem schönen Holzfußboden hinterlassen würden.
Um mein Jammern und Leiden zusammen zu fassen: Eine Woche lebten wir in Dreck und Staub, eine Woche arbeiteten wir von früh bis spät, eine Woche fielen wir jeden Abend völlig erledigt auf unsere Matratze. Dann aber konnten wir stolz wie Bolle sein. Warum, das seht ihr auf den Bildern.






Auch wenn noch einiges an Einrichtung fehlt, die Türen noch nicht neu gestrichen sind und noch einige Kisten herum stehen: Diese Wohnung ist wirklich schön. Natürlich sind wir auch farblich wieder kreativ gewesen!

Noch viel schöner als die Wohnung (und die vergleichsweise geringe Miete) ist aber das Viertel drumherum. Eimsbüttel. Eimsbüttel ist einfach zum Gernhaben. Jedenfalls wenn man hübsche Altbauten mag. Und viel Grün. Und kleine Läden. Und Gemüsehändler an jeder Straßenecke. Und portugiesische Cafés, spanische Restaurants oder mexikanische Cocktailbars. Und Bringdienste, Supermärkte und eine Einkaufsstraße um die Ecke.

In diesem Viertel kann man eigentlich leben, ohne es jemals zu verlassen. Das ist eine kleine Welt für sich.


Matthesonstraße 10

Jetzt zum zweiten großen Themenblock: der Henri-Nannen-Schule. Ich bin noch ganz geschafft von der ersten Woche, alles ist interessant, aufregend, anstrengend. Mit 19 anderen Schreibbegeisterten in einem Raum zu sitzen und ab und zu den Gedanken im Kopf aufblitzen zu lassen: "Mensch, ich bin an der Nannen-Schule!", das, naja, rockt irgendwie.

Der Verlag ist toll, bietet uns lauter Vergünstigungen, Zuschüsse und eine Abschlussreise nach New York oder Israel. Außerdem bezahlen die uns das Zimmer, wenn wir für ein Praktikum in eine andere Stadt müssen! Ganz zu schweigen von der Cafeteria, die ich immer noch aus Versehen "Mensa" nenne, obwohl die beiden so viel miteinander zu tun haben wie Heidi Klum mit Ozzy Osborne. (War das nicht wunderbar KONKRET? Und BILDHAFT? Und VERSTÄNDLICH? Ich gebe mir große Mühe, eine gute Journalistenschülerin zu sein...)

Die Cafeteria jedenfalls ist der Hammer und auch nicht teuer. Nur ist das System leider so, dass wir bargeldlos bezahlen und uns am Ende des Monats alles vom Ausbildungs-Gehalt abgezogen wird. Gefährlich, gefährlich!

Der Leiter der Schule ist sehr nett, verlangt aber auch einiges an Disziplin. Wir haben oft interessante Abendgäste, neulich zum Beispiel den GEO-Chefredakteur. Ansonsten kommen jede Woche ein bis zwei Dozenten aus der Praxis (zum Beispiel auch Hans Leyendecker und Heribert Prantl, für alle Süddeutschen-Leser). Die Themenblöcke sind derzeit beispielsweise "Die Nachricht", "Die Reportage", "das Interview", "die Wochenendbeilage" etc.

Wir machen ständig Übungen, müssen also sehr oft etwas schreiben, das dann bei jedem einzelnen redigiert wird. Wir sitzen zu viert in eigenen Büros, in einer frisch renovierten Etage eines alten Kontor-Hauses. Hier Marike an ihrem "Arbeitsplatz":


Heute hatten wir schon unseren ersten Wochenendeinsatz und waren auf einer Journalismus-Konferenz. Nett, wenn am Nebentisch Maybritt Illner und Günther Wallraff stehen! War alles ganz interessant, zum Beispiel Themen wie "Lobbyismus und Medien" oder "Recherchebericht in Sachen CIA-Flüge".

Ansonsten konnte ich jetzt die ZEIT und meine Tageszeitung abbestellen, kriegen wir nämlich alles kostenlos. Jeden Morgen liegen etwa fünf, sechs Tageszeitungen da, die zu lesen wir gar nicht die Zeit haben. Außerdem habe ich keine Zeit, mich anzumelden, mir eine Haftpflichtverrsicherung zu besorgen, eine Azubi-Monatskarte zu beantragen, bei IKEA einzukaufen und so weiter und so fort. Wenn ein GEO-Chef da ist, sind Monatskarten nun mal zweitrangig. Gell?


Seid gegrüßt und versichert, dass es mir sehr, sehr gut geht.

Marike

1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

Liebe Marike.
Wow! Das klingt alles sehr sehr gut und Deine wurderbare Art zu schreiben hat mit grad den Unterrichtsvorbereitungsnachmittag versüßt!Ich drück Dich lieb und un beso pa tu novio! Herzallerliebste Grüße vom Unterlauf der Elbe ;-)
Uta