Mittwoch, 18. Juli 2007

Neulich bei uns in der Schule...

Liebes Tagebuch,

heute erzähle ich dir mal, wie das so ist an der Journalistenschule.

Morgens gegen 8:50 Uhr komme ich in der Schule an. Da erwartet mich dann erst mal ein riesiger Zeitungsstapel im Büro. Süddeutsche, Tagesspiegel, Hamburger Morgenpost, taz, Financial Times Deutschland, Sächsische Zeitung und natürlich die BILD - wer soll das eigentlich alles lesen??

Aber lesen schaffe ich eh nicht mehr. Höchstens, einen Blick auf meine emails zu werfen. Um 8:57 Uhr klingelt es nämlich. In echt! Wie in der Schule!

Um 9 Uhr beginnt die "Morgenkonferenz" im Seminarraum.

Der ist zwar schön, unser Seminarraum, nur leider warm. Bei Sonne. Bei Regen. Der Luft im Seminarraum ist das Wetter egal. Aber die Konferenz dauert eh meist nur so zwanzig Minuten. Da besprechen wir den Tag, die Lage, den gestrigen Tag, den morgigen Tag und überhaupt. Danach dann: Zeitungen lesen. Oder scannen. Oder wie man auch immer man das nennen will, was man in 30, 40 Minuten halt so hinbekommt.

Um zehn Uhr dann: der Unterricht beginnt. Heute besprechen wir Überschriften, die wir gestern getextet haben.

Hauptsächlich geht's darum, was wir alles falsch gemacht haben. Zu langweilig. Sachlich falsch. Übetrieben. Zu sehr zugespitzt. Worte wiederholen sich. Irgendwann fragen wir uns: Haben wir eigentlich auch was richtig gemacht? Immerhin: Die Überschriften für einen eher unterhaltsamen Text waren kreativ, sagt unser Dozent. Na bitte. Ich sehe uns schon alle bei BUNTE.

11: 30 Uhr: Pause. Kaffee. Emails. Schnell schnell. Sind nur zehn Minuten. Auch mal einen Abstecher in die anderen Büros machen. Oder Flurkonferenz abhalten. Diskutieren, welchen Praktikumsplatz man jetzt verdammt noch mal wählen soll. Alles sowas.

Dann Unterricht bis 13 Uhr. Wir besprechen das Thema "Weiterdrehe". Weiterdrehen heißt, Nachrichten, Informationen, Geschichtchen zu richtigen Geschichten zu machen. Beispiel: Allre reden vom Heuschrecken-Kapitalismus. Machen wir doch mal was über Heuschrecken! Warum werden diese putzigen Tierchen da eigentlich für so was Hässliches missbraucht? Typisches Thema für eine Wochenend-Beilage. Bunt weiterdenken. Muss man auch können.

13 Uhr: Mittag!

Heute: Irgendwas mit Mini-Kartoffeln, Sahne, Zwiebeln und Fisch. Salat dazu, fertig. Kostet drei Euro und wird mir am Monatsende vom Gehalt abgezogen. Gemein sowas.

14 Uhr: Wir müssen weiterdrehen. Das heißt für uns: Zeitungen nach Kleinigkeiten durchforsten, Köpfe rauchen lassen. Ich finde in einem Artikel den Hinweis, dass Welse (die Fische) bis zu 80 Jahre alt werden. Wusste das jemand? Und kann man nicht mal was über alt werdende Tiere machen? Judith aus meinem Büro liest irgendwo, dass die Firma, die Hightech-Beinprothesen für Spitzensportler (!) herstellt, in Deutschland sitzt. Firmenporträt! So drehen wir also vor uns hin.

15 Uhr: Themen-Besprechung in großer Runde. Wir müssen unsere Ideen "verkaufen". Fazit des Dozenten: Alles so vorhersehbar. Aha. Bunt weiterdenken können wir also auch nicht.
Zum Glück müssen wir nicht nur immer kreativ denken, sondern dürfen auch mal "in echt" schreiben. Dann kriegen wir die Texte korrigiert wieder. Und die können dann auch mal so aussehen:

(Anmerkung: Rot heißt "ganz schlimm", blau heißt "nicht gut", grün heißt "gut". Das ist das Wolf-Schneider-System. Grün war bei diesem Text leider nix. Dafür stand da unter anderem: "Vier Zeilen über Anekdoten und keine einzige wird erzählt. Eine Todsünde! Aktive Leserverscheißerung!")

17 Uhr: Feierabend. Glück gehabt: Des öfteren schaut noch ein Abendgast vorbei, von 17:30 bis 19 Uhr. Zum Beispiel ein Chefredakteur. Oder ein Anzeigen-Mensch aus dem Verlag. Oder sonst irgendwer, der uns Interessantes erzählen kann.

Liebes Tagebuch, so ist das, bei uns auf der Journalistenschule.
Feierabend haben ist übrigens schön. So ein ganz neues Gefühl, nach all den Jahren Studium.

Marike

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